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Flucht der Wild- und Rheingrafen aus Grumbach

1792. Über Hunsrück und Westrich brausten die Herbststürme; Sie waren die Vorboten einer schlimmen Zeit. Wieder herrschte Krieg im Lande. Französische Revolutionstruppen verbreiteten Angst und Schrecken. 1792 waren sie als „Befreier" gekommen, aber 1793 von den kaiserlichen Truppen vertrieben worden. Monate später waren sie erneut da. Diesmal kamen sie als Eroberer. Am 26. Juli 1794 legten sie Kusel in Schutt und Asche. Die Bevölkerung litt große Not. Eine französische Armee, die sogenannte Rheinarmee, hatte unter Führung des Generals Custine die Grenze überschritten und schickte sich an, in unser Gebiet vorzudringen.
An einem mondhellen Abend im Frühjahr 1793 erschien unvermutet ein französisches Detachement von 15 Chasseurs zu Pferde mit einem Kommissär an der Spitze, besetzte alle Eingänge zum Schloß, ausgenommen eine verborgene Treppe.
Der Kommissär und einige Soldaten begaben sich in das Zimmer, in dem sich die Grafen Karl und sein Bruder Walrad befanden. Nach einer sehr förmlichen Begrüßung gab der Kommissär seine Absicht kund, die Grafen als Geiseln abzuführen.
In der Rüstkammer des Schlosses war eine ziemliche Anzahl von Gewehren vorhanden, mit denen man sich gegen das kleine Detachement hätte wehren können. Dazu brachten verschiedene Einwohner noch andere herbei, die an der unbewachten Stelle des Schlosses mit Stricken heraufgezogen wurden. Man fürchtete, daß es in der Nacht zu einem Scharmützel kommen könnte. Aber es ging alles ruhig vorüber. Karl und Walrad fanden in der Nacht Gelegenheit, durch den geheimen Ausgang über den anstoßenden Viehhof zu entfliehen und ent-kamen wohlbehalten nach Trier.
Als das Schloß Grumbach anfangs 1793 zum ersten Mal von einem französischen Detachement besetzt wurde, waren drei gräfliche Personen auf dem Schloß. Rheingraf Karl August, zweiter Bruder des regierenden Rhein-grafen Karl Ludwig Wilhelm Theodor und sein jüngster Bruder Walrad, er war Generalmajor des Ober-rheinischen Kreises und Kommandeur des Regiments Solms-Braunfels, und eine alte Rheingräfin, die mit dem Tragestuhl mühevoll von der Turmwohnung in eine Privatwohnung in den Ort Grumbach gebracht wurde. Die hoch betagte, 85-jährige Wild- und Rheingräfin Albertine wurde 1794 nach ihrem Tode unter Beachtung eines umfangreichen Zeremoniells und bei großer Beteiligung der Bevölkerung in die Gruft nach Herren-Sulzbach überführt. Über ihrem Sarg schloss sich für immer die wild- und rheingräfliche Gruft in der Kirche zu Herren-Sulzbach. Von der Not der Bevölkerung war zweifellos auch die Gräfin Albertine betroffen.
Noch einmal war es Walrad vergönnt, sein geliebtes Grumbach zu sehen. Der Krieg ging hin und her, und eines Tages waren die Preußen wieder da. Sie hatten den Berg bei Lauterecken besetzt und mit Artillerie bestückt. Walrad war nach Lauterecken geritten, um sich nach der Kriegslage zu erkundigen. Er sprengte im Galopp nach Grumbach und rief den erstaunten Einwohnern zu: „Rette sich, wer kann, die Franzosen sind ganz nahe.“
Am 29. 11. 1793 kam es dann auch zu der bekannten Schlacht auf dem Berge bei Lauterecken. Zwei Tage lang griffen die Franzosen mit großer Wucht die Verschanzungen der Preußen an, zogen sich dann aber wieder zurück, als ihre Reihen stark gelichtet waren und sie keine Hoffnung auf einen Sieg mehr haben konnten.

Jahrhunderte waren vorübergerauscht. Die Stürme der Zeit, die Schrecken der Kriege, der Seuchen und Krankheiten hatten Wellen der Angst und Furcht in die Häuser der Untertanen, in die Gemächer des Schlosses und in die Herzen der Menschen hineingetragen. Nun war das Ende da. Die letzten Wild- und Rheingrafen in Grum-bach, Karl und Walrad, schauten zurück auf eine stolze Geschichte ihres Geschlechtes im Amte Grumbach. Das Schloß, in dem von der französischen Militärverwaltung ein Hospital eingerichtet wurde, wurde 1795 in ver-wahrlostem und baufälligem Zustand verlassen und drei Jahre später von der Domänenverwaltung auf Abriss versteigert. Die Steine wurden von Bauern und Bürger der Umgebung ersteigert und zum Aufbau ihrer Häuser verwandt. Die Wild- und Rheingrafen flüchteten im Winter 1792/93 vor den heranrückenden Franzosen. Als dann im Jahre 1794 die Rheinlande von den Franzosen endgültig erobert waren, verzichtete Preußen 1795 auf seine links-rheinischen Besitzungen, wie 1797 auch Österreich. Da­mit waren die linksrheinischen Gebiete in französischer Hand. Nach der formellen Abtre­tung des linken Rheinufers im Frieden von Luneville am 17.02.1801 wurden die rheinischen „Erwerbungen“ wie jedes der ande­ren französischen Departements verwaltet.
Viele Angehörige des wild- und rheingräflichen Hauses waren in höheren Ämtern und befehligten auch deutsche Gruppenteile im Kampf gegen die französischen Angreifer. So z.B. der Rheingraf Karl August von Salm-Grumbach. Er war der letzte Kommandant der Festung Philippsburg. Er lebt noch heute in den Herzen der Philippsburger, steht doch sein Grabmal auf dem dortigen Friedhof. Die Kaserne wurde nach ihm benannt. Rheingraf Karl August wurde am 13.August 1742 als zwölftes Kind des Rheingrafen Carl Walrad Wilhelm von Salm-Grumbach und seiner Frau Juliana Franziska, Gräfin von Prösing und Limpurg, geboren. Rheingraf Karl August befehligte bis zu seinem Übertritt nach Philippsburg im Jahre 1798 die Truppen des fränkischen Kreises in Mainz. Er kam als Generalleutnant nach Philippsburg, wo er im Namen des Reiches das Festungskommando übernahm. Nach der ersten Blockade wurde er zum Feldmarschall-Leutnant ernannt, und für die tapfere Verteidigung von Philippsburg erhielt er am 14.10.1799 den Maria-Theresien-Orden. Salm starb unvermählt am 8. September 1800 in Philippsburg, wo er auf dem höchsten Punkt der Festung, der St.-Trinitas-Bastion (später
Salmbuckel genannt) seine letzte Ruhestätte fand. Im Jahre 1811 wurden auf Anordnung der badischen Regierung die letzten Reste der Festung abgetragen. Salm wurde umgebettet und in feierlicher Weise auf den Friedhof überführt. Salm war ein tapferer und mutiger Soldat, niemals bereit, auch nicht in der größten Gefahr, seine Pflichten aufzugeben.

Wenn unter seinem Befehl manche militärischen Fehlgriffe getan wurden, so darf man doch die schwierige Lage des Rheingrafen nicht übersehen, der bunt zu­sammengewürfelte Truppen aus vielen Teilen Deutschlands und mit verschiedenem Ausbildungsstand zu befehligen hatte. Bei den ständigen Belagerungen, bei den Krankheits-fällen und Verpflegungsschwierigkeiten blieb auch oft von einer Blockade zur anderen nicht genügend Zeit übrig, um alles wieder richtig zu ordnen. Was den Offizier Salm aber besonders auszeichnet, war die Sorge um die Bürger Philippsburgs nach dem fürchterlichen Brand. Durch seinen unermüdlichen Einsatz, den Bedauerns-würdigen zu helfen, und durch seinen Aufruf „An alle edlen Menschenfreunde“ hat er sich ein ruhmvolles und bleibendes Denkmal gesetzt.

Rheingraf Karl August

Rheingraf Karl August von Salm-Grumbach (1742-1800),
der letzte Kommandant der Reichsfestung von Philippsburg.

In einem alten Lexikon von Baden lesen wir die trefflichen Worte: „Unvergesslich bleibt den Philippsburgern der deutsche Festungskommandant . . . , Rheingraf von Salm, welcher sich durch seine Tapferkeit sowohl als durch seine menschenfreundlichen Bemühungen um den Ort unendlich verdient gemacht hat. Er suchte während der Unglückszeit das Elend der Bürger möglichst zu mildern und eröffnete ihnen große Hilfsquellen zum Wiederaufbau ihrer Stadt.“ Durch den Hilferuf Salms kamen beträchtliche Gelder zusammen, um die Stadt wiederaufzubauen. 1801 besuchte der Speyerer Fürstbischof Wil­derich von Walderdorf die Stadt Philippsburg, um danach durch seine Hofräte Pläne zum Wiederaufbau der Stadt ausarbeiten zu lassen.      
Der Reichsdeputationshauptschluss vom 24.Februar 1803 bestimmte die Enteignung der geistlichen Fürsten-tümer, Klöster und Stifte; der westliche Teil des vormaligen Bistums Münster sollte zur Entschädigung der linksrheinischen Fürsten herangezogen werden. Der Wild- und Rheingraf zu Salm-Grumbach erhielt nicht nur den Besitz des ehemaligen fürstbischöflichen Amtes Horstmar zugesprochen, sondern auch das Vermögen der säkularisierten Stifte Asbeck, Metelen, Langenhorst und Burghorst sowie des ehemaligen Klosters Varlar.  Damit trat Rheingraf die Rechtsnachfolge des Varlarer Klosters an. Am 1. April 1803 zog die rheingräfliche Familie nach Coesfeld, wo zunächst das ehemalige Jesuitenkloster als Wohnsitz diente; dann bezog man nach umfangreichen Renovierungen die Räume des vormaligen Klosters Varlar. Die Regierung übernahm die verwitwete Gräfin Wilhelmine Friederike anstelle des noch minderjährigen, 1799 geborenen Grafen Friedrich Karl August. Die Herrschaft der rheingräflichen Familie über die Grafschaft Horstmar war nur von kurzer Dauer, denn 1806 brach die Zeit der sogenannten Fremdherrschaft an.

Bis 1816 nannten sich die Wild- und Rheingrafen noch „Wild- und Rheingrafen  in Grumbach“ oder auch  Salm-Grumbach. Am 22.November 1816 wurden sie vom preußischen König in den Fürstenstand erhoben. Damit änderte sich auch ihr Titel. Friedrich Karl August war nun Fürst zu Salm-Horstmar. Er besuchte seit 1817 die Universität Göttingen, sein besonderes Interesse galt der Naturwissenschaft, speziell der medizinischen Forschung, so dass er im Volksmund auch als „Doktor-Fürst“ bekannt war.Nach seinem Tod im Jahr 1865 trat Otto Friedrich Carl das Erbe des Vaters an. Ihm folgte 1892 der Sohn Otto Adalbert August. Wie sein Vater war auch Fürst Otto ein erbliches Mitglied des preußischen Herrenhauses, zudem zeitweise Vorsitzender des Provinziallandtages und Präsident des Deutschen Flottenvereins. Er förderte außerdem den Aufstieg der Universität Münster zur Volluniversität im Jahr 1902, wofür ihm der Ehrendoktortitel verliehen wurde. Nach seinem Tod 1941 übernahm Fürst Philipp Franz die Geschäfte seines Vaters. Als engagierter Forstmann hat er sich bis zu seinem Tod im Jahre 1996 besonders des Aufbaus und Schutzes der Wälder angenommen und sich für die Erhaltung des unter Denkmalschutz stehenden Schlosses eingesetzt. Dieses Bemühen wird heute von seinem Sohn, Erbprinz Philipp Otto, fortgeführt, der heute der fürstlichen Verwaltung vorsteht. Besondere Verdienste erwarb sich Fürstin Marie-Therese aufgrund ihres Engagements als Vizepräsidentin des DRK-Bundesverbandes.