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Böse Zeiten im Amt Grumbach

Anno Domini 1618. Die Wintermonate sind vergangen, die ersten warmen Sonnenstrahlen künden den nahen Frühling. In den Häusern und auf den Feldern wird es lebendig. Die Äcker werden bestellt und die Saaten aus-gestreut. In froher Hoffnung warten die Menschen auch in diesem Jahre auf den Segen ihrer Arbeit.
Bald wird ihre Freude getrübt. Man hört von Krieg und fremden Heeren. Noch weiß man bei uns nicht, was das bedeuten soll, noch denkt man bei uns nicht daran, daß auch unser Amt Grumbach Kriegsschauplatz werden könnte, noch ahnt man bei uns nichts von den bevorstehenden Leiden und Schrecken. Aber es erfasst die Menschen eine Unruhe wie vor einem unheilvollen Gewitter; jeder neue Tag ist mit Angst und Furcht erfüllt.

In den ersten beiden Kriegsjahren blieb der Westrich von den Stürmen des Krieges verschont. 1620 besetzte Spinola, von den spanischen Niederlanden kommend, unser Land. Von Kriegshandlungen erfahren wir aber auch jetzt noch nichts. Wohl sind die Abgaben für die Besatzung schwer und gelegentliche Aufstände verschlimmern die Lage. Die Kriegsparteien wechseln, vom Gegner genötigt, oft ihre Standorte. Bald liegen Lothringer hier im Quartier, dann die Franzosen oder die Kaiserlichen, dann die Böhmen oder wieder die Spanier, man wusste nicht, wer Freund und Feind war. In den nächsten Jahren wurde der Krieg immer härter und brutaler, alle raubten, plünderten, verwüsteten die Felder, holten dass Vieh aus den Ställen und drangsalierten die Einwohner. Die Äcker wurden nicht mehr bestellt und kaum wagte jemand, vor die Tür oder gar über das Feld zu gehen.
In diesen Jahren bitterer Not setzte man hier gro ße Hoffnungen auf die Schweden, die in den Krieg eingegriffen hatten. Man wusste, dass ein Teil der schwedischen Streitmacht von einem Wild- und Rheingrafen befehligt wurde. Otto Ludwig von der Herrschaft Mörchingen war in schwedische Dienste getreten und befehligte die schwedische Kavallerie. Er hatte dem Gegner schon manche empfindliche Niederlage beigebracht und stieß im Jahre 1632 mit einem Teil seiner Truppen bis in den Westrich vor. Hier hatten sich die Spanier wieder festgesetzt. Auf die Kunde von dem Anrücken der Schweden stellten diese sich bei Lauterecken zur Schlacht. Am 25. Mai 1632 griffen die Schweden, von den Medarder Höhen kommend, so heftig an, dass die Spanier in wilder Flucht davonstoben und sich erst bei Ulmet wieder verschnauften.
Otto Ludwig verfolgte sie mit seinen berittenen Abteilungen und vernichtete sie dort vollends.
Die guten Hoffnungen, die man auf die Schweden gesetzt hatte, erf üllten sich nicht. Das Amt Grumbach hat unter der Herrschaft der schwedischen Freunde ebenso gelitten wie unter der Herrschaft der spanischen und kaiserlichen Feinde. Was uns die Kirchenbücher oder die Renteirechnungen und andere Urkunden aus jenen notvollen Jahren berichten, ist nur ein kleiner Teil dessen, was hier geschehen ist. Wer sollte auch all das namenlose Elend niederschreiben, das über unser Land gekommen war. Die Gespenster der Not und des Hungers klopften an jede Tür und die Menschen lebten in Angst und Sorge vor dem kommenden Tag. Da wurde heute ein spanischer Soldat, der von den Schweden erschossen wurde, beerdigt, dann schloss sich das Grab über einen spanischen Jungen, der von einem Pulverwagen ganz verbrannt worden war. Sebastian Kalbfuß aus Grumbach von des Obersten Ehmen Reiter erschossen, ein Kind, welches einer Soldatenfrau gewesen, welches erfroren, wurde begraben, eines Soldaten Junge zu Kirrweiler gestorben, ein junger Bettelbub, so zu Deimberg gestorben, eines Soldaten Junge in Bubom gestorben, eines Soldaten Junge ist tot zu Jeckenbach gelegen, ein junger Bettelbub allhier gestorben, Hans Funk von Alben gest. zu Grumbach von den Soldaten erschossen, Nickel von Kappeln, von Reitern erschossen, Jakob Becher von Kirrweiler wenige Tage nach seiner Hochzeit erschossen, weil er sich einem Soldaten widersetzte, der ihm sein Vieh abjagen wollte - bei Nacht getauft aus Furcht vor den Soldaten, getauft, als wir wegen den Soldaten im Exil saßen . . . das ist das Bild des Amtes Grumbach um das Jahr 1630 bis 1632, ein Bild der Not und des Elends, und doch erst der Anfang des bitteren Weges.

Am 21. Juli 1632 kam aus Jeckenbach die Nachricht, dass der Todesengel der Pest die Eva Heintz hinweggenom-men habe. Eine Woche danach starb ihr Bruder Stophel, nach 3 Tagen ihre Schwester Else, dann die Katharina und nach weiteren 4 Tagen der Bruder Konrad.
Dann l äutete in Grumbach die Totenglocke, dann in Hausweiler und schließlich in Herren-Sulzbach. In jedes Haus kehrte hier der Tod ein. Vom 14. September bis zum 4. Oktober standen die Einwohner des Dorfes Sulzbach 38 mal an einem offenen Grabe und nahmen von einem Menschen Abschied. Besonders schwer wurde unsere damalige Lehrersfamilie Schwartz heimgesucht. Zuerst starb die Mutter, dann in wenigen Tagen alle 5 Kinder. Der Vater blieb allein zurück, aber er war ein gebrochener Mann. Nach wenigen Wochen trug man auch ihn hinaus. 76 Einwohner aus diesen wenigen Dörfern starben damals in 2 Monaten an der Pest.

Der Becher des Leidens war noch nicht geleert. Die Schweden waren abgezogen und auch die Spanier waren nicht mehr hier. Es war eine unheimliche Stille, eine Stille vor dem Sturm. Man ahnte, nun kommt der entsetzlichste Feind. Bald sprengten von überall her wilde Kroaten, die gefürchteten Vorreiter des kommenden Unheils, auf ihren schnellen Pferden durch die Dörfer und in endlosen Zügen folgten ihnen die geschlossenen Regimenter der Gallas´schen Armee. Und mit den durchziehenden oder sich hier einlagernden kroatischen Völkern hielten gleichen Schritt die Würgeengel der Menschheit, Seuchen und Hungersnot. Eine Panik bemächtigte sich der Menschen, die Bewohner der Dörfer vom Glan flohen bis über die Mosel, nur wenige blieben zurück, die von Kappeln, Deimberg, Kirrweiler u.a. flüchteten in die nahen Wälder. Sie lebten fast ein ganzes Jahr in Erdlöchern und Laubhütten und mussten mit ansehen, wie ihre Häuser zerstört und ein- geäschert wurden. Viele, die dem Schwert entronnen waren, mögen in den Wäldern verhungert oder erfroren sein.       
Das Ergebnis der beiden Jahre 1635 und 1636 ist erschütternd. Wir wissen nicht, wieviele Menschen in diesen Jahren hier umgekommen sind, wir wissen aber, dass von einst 100 Einwohnern nur 10 oder 15 in ihre Dörfer zurückkehrten, als die schlimmsten Schrecken vorüber waren. Nach Ilgesheim kehrte niemand zurück, nach Hohenrodt niemand, nach Oberjeckenbach nur Adam Schneider und seine Familie, nach Unterjeckenbach Abraham Heintz mit seinen Kindern, nach Langweiler 2 oder 3 Familien, nach Merzweiler 9 Personen, nach Kappeln 4 und in die übrigen Dörfer auch nur wenige Familien. Völlig zerstört waren Ilgesheim, Hohenrodt, Ober- und Unterjeckenbach, Langweiler, Merzweiler und Kappeln, teilweise zerstört waren die Dörfer am Glan. Die übrigen Dörfer, die nicht an den Hauptstraßen lagen, waren weniger hart mitgenommen.
Etwa seit dem Jahre 1637 wird der Krieg unruhiger, planloser. Man spürte das auch in unserem Amt. Bald lagerten sich die Heerhaufen der Schweden hier ein, blieben eine kurze Zeit, rückten dann ab und machten den Spaniern Platz, dann kamen Franzosen, dann Lothringer, dann Kaiserliche, sie alle kamen und zogen wieder ab wie Raubtiere, die Beute suchen. Die Gefürchtesten von allen waren die Lothringer. Sie drangen in die Wohnungen ein, spürten die Verstecke auf und zwangen mit Drohen und Schlägen die Leute, ihre letzte Habe herauszugeben. 1641 plünderten sie Lauterecken, Haus um Haus wurde durchsucht.
Nur mit knapper Not konnten die Einwohner sich nach Grumbach in Sicherheit bringen. Ein Jahr später plünderten sie Grumbach aus. Die Chronik berichtet, dass sie nicht ein einziges Stück Vieh im Dorf zurückließen. 1642 ist das Amt so arm geworden, dass aus keinem Dorf irgendwelche Steuern oder sonstige Abgaben eingehen.

Mit dem Jahr 1642 waren die Schrecken des Krieges überstanden. Die Soldaten waren des langen Kampfes müde. Sie lagen in ihren Quartieren herum und vertrieben sich mit Essen, Trinken und Spielen die Zeit. Manche vertauschten auch das Schwert mit dem Pflug. In den folgenden Jahren wurden viele Soldatenehen geschlossen. Die hier übrig gebliebenen Menschen waren müde und stumpf geworden. Alle Hoffnungen waren dahin und der Lebensmut gebrochen.
Am 24. Oktober 1648 kündeten die Glocken, dass nun Friede sei.  Wir haben keine Aufzeichnungen aus jenen Wochen, da die Friedensbotschaft in unser Land kam. In den Kirchenbüchern und auch sonst wird nicht mit einem Wort von dem Frieden des Jahres 1648 gesprochen. Ahnte man neues Unheil? In der Tat, denn wer die Zukunft all zu sehr im Sonnenschein des Friedens vor sich liegen sah, sollte bald erfahren, dass alles Menschenwerk nur Stückwerk ist. Wie nötig wäre dem Amt Grumbach der Friede gewesen, wie heilsam eine Zeit ungestörten Schaffens und Wirkens. Aber es kam anders.
Vielen entlassenen Soldaten fiel es schwer, von dem wilden Kriegshandwerk zur Ordnung des Friedens überzugehen. Vielleicht hatten sie auch ihr Elternhaus und ihre Angehörigen gesucht und nur eine Trümmer-stätte und ein paar Gräber gefunden. So zogen sie dann als Bettler, Landstreicher und Straßenräuber durch    die Gegenden, taten sich zu Haufen zusammen und wurden eine wahre Landplage.
Mehr noch als diese Beunruhigten und plagten die Lothringer unsere Gegend. Sie kehrten sich nicht an die Beschlüsse des Friedens von Münster und Osnabrück. Ihre Durchzüge und Räubereien wollten kein Ende nehmen.
In solcher Not schritten die Wild- und Rheingrafen von Grumbach, Kyrburg, Dhaun, die Grafen von Oberstein und der Pfalzgraf Friedrich zur Selbsthilfe. Sie stellten eine Streitmacht von l 700 Mann Infanterie und 300 Mann Kavallerie zusammen. In einem Gefecht bei Herrstein gelang es 1652, die Lothringer aufzuhalten und zur Umkehr zu zwingen. Aber sie versuchten immer wieder, hier einzufallen, so dass es nötig war, stets die Waffen bereit zu halten, um sich ihrer erwehren zu können.
Diese Vorgänge nahmen die Franzosen 1659 zum Anlass, erneut in unser Gebiet einzufallen und auch das Amt Grumbach zu besetzen. Da die Lothringer zu gleicher Zeit den Wildfangkrieg mit der Pfalz angefangen hatten, wurde unser Land für viele Jahre wieder der Tummelplatz für die fremden Heere lassen wir die Kirchenbücher einiges von dem erzählen, was damals im Amt Grumbach geschah: „Am 5. Sept. 1666 ward begraben Abraham Schneider welcher von einer pfälzischen Partei, als sie hier eingefallen, erschossen wurde ... hat taufen lassen, als wir wegen der französischen Truppen geflohen . . . 1674, am 10. April, ward begraben Johann Jakob Schmidt von Hausweiler, ist in diesem kalten Winter von den Franzosen ausgezogen und darauf von der Kälte dermaßen zugerichtet worden, dass er wenige Wochen hernach hat sterben müssen . . . 1675, 15. Febr. ... da ich dies schreibe, war ich noch voller Schrecken und Zittern, denn eben eine Stund zuvor ist das Amt Grumbach von einer starken Partei Franzosen überfallen und geplündert worden... 1677 Trinitatisfest sind zu Grumbach bei großem Alarm wegen der lotharingischen Völker eingesegnet worden . . . 1675, 4. Okt. war eine betrübte Zeit, denn dazumalen die Leute aus dem ganzen Amt Grumbach im exilio (auf der Flucht) waren wegen der lotharingischen und anderen Truppen ... so sich in den Grumbachischen Ortschaften aufgehalten und mit Ausdreschung der Früchte wie auch Wegführung und Verderbung des Gefütters großen Schaden getan ... 1677, 15. Januar, ist bei großem Alarm wegen des Brennens, welches Sulzbach, Kirrweiler und noch gar viel andere Dörfer in die Asche gelegt, begraben worden . . . 1678, 9. November, ist begraben worden, als es wegen der lotharingischen Völker sehr unsicher war . . . “.
1697 wurde der Friede geschlossen. Aber schon nach 3 Jahren drang der französische Oberst Kleinholt wieder in die Pfalz ein, eroberte Kaiserslautern und Wolfstein und marschierte von hier aus mit seinen Truppen über Lauterecken nach Kirn. Die Bewohner des Amtes Grumbach verließen fluchtartig ihre Dörfer und retteten sich in die Wälder der Winterhauch. Sie hatten gut daran getan, denn wohin auch die Franzosen kamen, trieben sie mit den armen Leuten ihren Mutwillen.
Viele Jahre hindurch war das Amt Grumbach schutzlos den durchziehenden oder sich einlagernden Truppen preisgegeben. Noch 1713 konnte in den Dörfern Ilgesheim, Hohenrodt, Jeckenbach, Langweiler, Merzweiler, Kappeln, Deimberg, Sulzbach, Kirrweiler, Homberg „wegen der Kriegsunruhen und durchstreifenden Parteien nichts verzapft werden.“

Der Krieg ist zu Ende, der 100-jährige Krieg. Die Glocken des Friedens läuten. Noch kann sich ihr Klang von dem Vergangenen und Geschehenen nicht lösen. Die Furchen, die der Krieg gezogen hat, sind zu tief und nach-haltig. Und doch ist es ein froher Klang, denn es klingt die Hoffnung mit, die Hoffnung für eine neue Zukunft.