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Die ehrenvolle Bestattung der Gräfin Albertine 1794

Der nachstehende Bericht fußt auf der Abschrift einer Akte aus dem „Grumbacher Archiv“. Dort wird der Tod und das Begräbnis der letzten Grumbacher Rhein­gräfin im August 1794 erwähnt. Wiederrum herrschte Krieg im Lande. Französische Revolu­tionstruppen verbreiteten Angst und Schrecken. 1792 waren sie als „Befreier“ gekommen, aber 1793 von den kaiserlichen Truppen vertrieben worden. Monate später waren sie erneut da. Diesmal kamen sie als Eroberer. Am 26. Juli 1794 legten sie Kusel in Schutt und Asche. Die Bevölkerung litt große Not. Zweifellos war auch die Gräfin Albertine davon betroffen.
Die Akte umfaßt drei maschinenschriftlich erstellte Seiten und enthält fünf Briefe des rheingräflichen Amtmanns Handel, der sich wohl auf Weisung des Kanzleirates Lichtenberger um das Zeremonialproto-koll für die Bestattungsfeier­lichkeiten zu kümmern hatte. Karsch schrieb die Akte ab und vermerkte dabei ausdrücklich, es handele sich bei seiner Arbeit um die Abschrift einer Abschrift, Zwar sind die Originale sind nicht mehr auffindbar, doch darf die Arbeit des Kopisten als zuverlässig gelten. Dazu findet sich eine Randbemerkung aus der Feder des Kollegen Moll (1913-1945 Pfarrer in Grumbach): „Pfr. F. W. Spener berichtet: Sie (Albertine) war die Großtante des jetzigen Herrn Rheingrafen von Coesfeld (in Westfalen), die in der Jugend manch widrige Schicksale gehabt hatte und in einem sehr hohen Alter starb. Sie war eine sehr fromme und lie­benswürdige Dame und sehr geachtet. Sie wanderte nicht mit der übrigen hochgräflichen Familie aus, mußte aber ihr Logis im Schloß bei den Kriegsunruhen verlassen, das sie seit ihrer Jugend nicht verändert (?) hatte und deswegen ihr sehr nahe ging. Sie starb in einem Privathaus Grumbachs 1794 und wurde in der Kirche zu Sulzbach beigesetzt.“
Dem ersten Schreiben fehlen Datum und Anrede. Aus der ganzen Akte geht aber hervor, daß es am Morgen nach dem Tod der Gräfin abgefaßt worden ist, denn am Nachmittag wurde eine zweite Nachricht hinterher geschickt, die das Datum des 15. August trägt. Demnach starb die Gräfin am Abend des 14. August 1794, einem Donnerstag. Als Empfänger der Todesnachricht muß der alte Hof­prediger und Herrensulzbacher Pfarrer Johann Karl Spener gelten, der denn auch im zweiten Schreiben angeredet wird. Bemerkenswert sind die Ergebenheitsflos­keln, die uns den Anbruch einer neuen Zeit und ihrem Gleichheitsideal noch nicht spüren lassen.

Der Bericht hat folgenden Inhalt:
„Unterthänigster Bericht, das Absterben der Frau Rheingräfin Albertine von Grumbach betreffend.
Bei der Frau Rheingräfin Albertine hochgräflichen Gnaden traten seit kurzem solche Umstände ein, daß leicht zu vermuten stand, daß das Ende ihrer Le­benstage nicht mehr entfernt sein würde. Untertänigst Unter-zeichneter traf daher die Einleitung, daß Ihnen der eintretende Todesfall sogleich hinterbracht werde, und eilte auf die gestern Abend desfalls erhaltene Nachricht sogleich in die Woh­nung der Erblaßten, um die erforderliche Obsignation (Bestandsaufnahme und Protokoll) vorzunehmen. Es kam aber nicht dazu, weil die Kammerjung-frau Mohrin erklärte, wie wenig Kleider die Verstorbene noch besessen habe und der größte Teil davon durch die Franzosen entwendet worden sei. Die noch vorhan­denen seien mit ihren eigenen zusammen versteckt. So befremdend uns nun diese Versicherung sein mußte, so sahen wir uns doch zur Obsignation außerstande, weil die leeren Schränke und Kommoden zur Versicherung der Kammermohrin paßten. So schließen wir das über diesen Vorgang aufgenommene Protokoll zu höchster Verfügung unterthänigst an. Was die Beisetzung des ver-blaßten Leich­nams anbelangt, müßten wir Ihre höchste Entschließung abwarten. Da jedoch in diesen Zeiten von jedem Verzug abzuraten ist, haben wir uns entschlossen, nicht lange zu warten und die hohe Erblaßte mit tunlichster Kostenersparnis gleich­wohl nach dem Herkommen standesgemäß zur Gruft zu befördern."

Die Antwort des jungen Pfarrers Friedrich Wilhelm Spener, der bereits seit 1792 seinem Vater „adjungiert" war, lautet im Original:
„Wohlgebohrner Insonders Hochgeehrtester Herr Amtmann!
Dero geehrtestes Schreiben worin Euer Wohlgebohrner bestimmen, wie es mit dem Leichenbegängniß der Frau Rheingräfin Albertine Hochgräfliche Gna­den soll gehalten werden haben wir erhalten. Wir werden die Leiche bey der Kirche in Empfang nehmen, und ohnerachtet die Zeit jetzt äußerst unruhig, sonderlich in unserm Hause ist, so wird mein Vater doch selbst einen Leichen Sermon halten.
Ich habe die Ehre mit vollkommenster Hochachtung zu beharren
Euer Wohlgebohren gehorsamster Diener FWSpener, Pfr.
Herrn Sulzbach den 16ten August 1794
P.S. Der Bote hat dero Schreiben unterwegs abgegeben, deswegen nicht gleich konnte geantwortet werden.“

Der Briefbogen trägt außenseitig die Anschrift „An Herrn Amtmann Handel Wohlgebohren in Grumbach“, ist mit schwarzem Lack gesiegelt. Das Siegel zeigt ein gekröntes Wappen. Es trägt in der Mitte ein Kreuz, in den beiden oberen Ecken zwei Sterne und ist umrandet von Girlanden.

Weil sich Speners Antwort verzögerte, schrieb Handel am selben Tag noch einmal:
„Grumbach, den 15.8.1794.
Hochwürdiger, insbesondere hochgeehrter Herr Hofprediger,
Euer Hochwohlgeboren haben wir bereits heute Morgen zu eröffnen die Ehre gehabt, daß die allgemein geliebte Frau Rheingräfin Albertine gestern Abend in die Ewigkeit übergegangen ist. Wir haben bei den gegenwärtig unsicheren Zeiten für gut befunden, den entseelten Leichnam bis zum nächsten Sonntag-abend zu seiner Ruhe in die Hochrheingräfliche Gruft nach Herrensulzbach zu befördern. Der Zug wird des Abends zum 7 Uhr von hier seinen Anfang nehmen, und zweiflen wir nicht, daß Euer Hochgeboren nebst dem Herrn Sohn, dem Pfarrer Spener die hohe Leiche an der Kirche in Empfang nehmen und der hohen Verbli­chenen einen passenden Sermon halten, oder wenn andere Geschäfte dieselben hieran behindern sollten, solche dem Hofkaplan zu über-tragen belieben werden, indem das Dunkele der Zukunft nicht mehr zuläßt, als der hohen Dame diese Schuldig-keit zu erzeigen. Wir haben die Ehre, mit vollkom-menster Hochachtung zu beharren.“
Der hier erwähnte „Hofkaplan“ war der Pfarrer Georg Karl Hofmann, geb. 1750 in Wörrstadt, seit 1775 in Grumbach dem Hofprediger zugeordnet, von 1807 bis zu seinem Tode 1821 Pfarrer in Kappeln. Er sollte die Beerdigungsfeier leiten für den Fall, daß der Hofprediger Spener in Sulzbach verhindert wäre.

Auch die nächstwohnenden Pfarrer wurden zur Teilnahme aufgefordert:
„Grumbach, den 16.8.1794
Da der Leichnam der Frau Rheingräfin Albertine Hoher Gnaden bis morgen Abend in die Rheingräfliche Gruft nach Sulzbach befördert werden wird, so werde solches dem Herrn Pfarrer Simon zu St. Julian, dem Herrn Pfarrer Kanz in Hinzweiler, und dem Herrn Pfarrer Kopp in Offenbach bekannt gemacht, damit sie sich bis morgen Nachmittag um 3 Uhr hier in der Beamtenwohnung einfin­den, um danach der Beisetzungbeizuwohnen.“

Das folgende Zeremonialprotokoll enthält viele interessante Anweisungen zum Ablauf der Beisetzung und Namen der Beteiligten.
„Grumbach, den 15.8.1794
Die Beisetzung der Rheingräfin Albertine.
1. Der entseelte Leichnam wird in des Herrn Kanzleirats Lichtenberger Be­hausung in die untere Stube, rechter
    Hand auf das Paradebett gelegt.
2. Wagner Hossong und Karl Philipp Schad bewachen denselben und lassen niemanden in die Stube,
3. Rechts und links stehen zwei Cheridons, worauf des Nachts zwei bren­nende Leuchter stehen.
4. Der Leichnam wird sonntags den 17., in weißen Musselin gekleidet, in den Sarg gelegt und bleibt bis zur Weg-
    führung zur Schau offen stehen, wo jedermann zu besehen hineingehen kann.
5. Während dieser Zeit begeben sich die Kammerjungfer und die Garderobe­magd dahin und nehmen oben   
    rechts und links des hohen Leichnams ihren Platz ein. Zimmermeister Mohr und Karl Philipp Schad, von der 
    Hochseligen wohlge­litten, stehen mit heruntergelassenen Hüten und mit den Marschallstäben ober­halb des
    Sarges.
6. Ein Herr Laubersheimer, Bürgervogt Jung und Flachsland stehen im Haus­gang.
7. Gegen 5 Uhr versammeln sich die zu dem Zug gehörigen Personen in be­sagter Behausung oben in der großen 
     Stube linker Hand gegen die Straße, wo Wein und Kuchen vorgesetzt wird.
8. Um 7 Uhr wird der Sarg zurechtgelegt von den hierzu bestellten Gerichten, namentlich die Gerichtsschöffen
    Jung von Buborn, Harf von Grumbach, Schnei­der von Sulzbach, Maurer von Homberg, Gehres von Unter- 
    jeckenbach und Kohl von Ilgesheim, und auf den Trauerwagen gehoben.
9. Hierauf beginnt der Zug folgendermaßen:
a. Zimmermeister Mohr und Schad gehen mit den Marschallstäben voran.
b. Es folgt der Trauerwagen mit dem behangenen Sarg, die 4 Pferde sind mit schwarzen Tüchern behangen.
c. Jungfer Mohrin, Ehefrau Schadin, Wagner Hussong und Zimmermeister Mohr gehen auf beiden Seiten des 
    Sarges schwarz gekleidet.
d. Die 6 Gerichtsleute wie auch Schlosser Maier, Schreiner Höhl und Sattler Holler gehen neben dem Wagen
    her. Es folgen:
e. Herr Seer, Schring, Amtmann Gandel, die Gerichtlichkeit.                   (= Amtmann Handel)
f. Herr Hauptmann Kühlenthal und Herr Oberförster Grahe.
g. Herr Waisenschreiber Gerlach, Herr Oberst Altvater.
h. Herr Aktuar Schellenberger und Herr Daum.
i. Herr Laubenheimer, und Flachsland.
k. Die allenfalls ankommenden Schulmeister.
l. Wagner Hossong, Sonnenhofmann Merscher und Schneider Weber.
10. Sobald der Zug bei Sulzbach ankommt, so werden die Glocken gezogen und damit fortgefahren, bis der Zug
      in der Kirche ist.
11. Vor der Kirche wird Halt gemacht, die Gerichte nehmen den Sarg von dem Wagen und der Zug geht her-
      nach wieder voran.

12. An der Kirche empfangen Herr Hofprediger und Herr Pfarrer Spener den Zug.
13. Der Sarg wird vor dem Altar auf die Bahre gesetzt und der Deckel abge­hoben. Die zwei Marschälle stellen
      sich oberhalb des Sarges mit den Stäben.
14. Das Gefolg nimmt Platz in den vorderen Stühlen.
15. Auf dem Altar stehen brennende Leuchter und um den Altar herum Cherisons, worauf sich ebenfalls
      Leuchter befinden.
16. Nun erfolgt eine kurze Rede.
17. Der Sarg wird zugemacht und in die Gruft getragen.
18. Gebet.
19. Das Gefolg geht nach Haus.“

Ein letztes Schreiben aus der Akte handelt von den Kosten der Bestattung. Es ist eine protokollartige Notiz, aus der hervorgeht, daß man darauf bedacht sein mußte, Kosten zu sparen, und doch galt es gleichzeitig, eine würdige Feier zu gestalten, die „dem Stand der hohen Verblichenen“ angemessen war. Die Notiz war wohl Teil des Berichts, den Amtmann Handel der wild- und rheingräflichen Familie zu erstatten hatte:

„Grumbach, den 19.8.1794.
Die Beisetzung der Leiche der Frau Rheingräfin Albertine Hochseligen An­denkens betreffend.
Der Leichnam der Hochseligen Frau Rheingräfin Albertine ist vorgestern als dem 17.8. des Abends in die Hoch-gräfliche Gruft nach Sulzbach bestattet wor­den, und legen wir über den Hergang der Sache einen Aufsatz in der Anlage unterthänigst bei. Wir haben dabei tunlichste Kostenersparnis angestrebt, jedoch auch dabei beachtet, was dem Stand der hohen Verblichenen unumgänglich an­gemessen und dabei erforderlich war, um Vorwürfen dieser Art zu begegnen. Was besonders das in der Wohnung des Amtmanns Handel veranstaltete kleine Nacht-essen anbelangt, so haben wir solches wegen den über Feld gegangenen Herren Geistlichen als schicklich erachtet; allein, um auch hierbei alle Ersparnis zu beachten, so hat die Amtmannin solches übernommen und bloß die gehabten Auslagen in Aufrechnung gebracht. Übrigens legen wir ein Verzeichnis, nach welchem sämtliche Kosten 7 Taler betragen, zur Höchsten Einsicht und Verfü­gung unterthänigst bei.“

Die Kostenaufstellung ist nicht erhalten geblieben. Besonders vermissen wir Einzelheiten über die kirchliche Feier, Schriftlesungen, Gebete, und ein Konzept der Ansprache, die das Leben dieser „frommen und liebens-würdigen Dame“ für die Nachwelt festgehalten hätte, zumal wir wissen, mit welcher Ausführlichkeit bei solchen Anlässen den Hinterbliebenen Trost zugesprochen wurde. Nun war vermutlich niemand aus der Verwandtschaft zugegen, und es möchte wohl sein, daß unabhängig von dieser vorlieg-enden Akte anderweitige Berichte verfaßt und den Angehörigen der Verstorbenen zugeschickt worden sind.

Die Gruft wurde irgendwann nach der napoleonischen Zeit unbe­merkt geöffnet. Vermutlich hatten es Diebe auf die Zinnsärge abgesehen. Spener berichtete darüber am 17. August 1818 an die Sachsen-Coburgische Obrigkeit. Wie schon oben erwähnt, konnte man aber über bloße Vermutungen hinaus nichts Verläßliches über einen Grabraub in Erfahrung bringen.